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29.7.2010 : 18:48

Tagebuch | Mittwoch, 24. Oktober 2001

Frühmorgens in Twizel - © 2001

Twizel und Fahrt nach Queenstown

Mit einer kurzen Unterbrechung, bei der ich dachte, aus dem Bett fallen zu müssen, schlief ich durch bis 6:30. Es musste gegen Mitternacht gewesen sein, als mich ein unwahrscheinlicher Knall aus dem Schlaf gerissen hatte. Meine ersten Gedanken drehten sich um die Frage: "Was war das? Sollte es ein Erdbeben sein?" Denn erst gestern erzählte uns Karsten von den seismischen Aktivitäten in Neuseeland, welche Stadt ihr schon zum Opfer gefallen sei und wie viele Beben er schon miterlebt hätte. Panik stieg in mir hoch. Erst als ich merkte, dass es zwar Lärm gab, aber keine Erschütterung, beruhigte ich mich ein wenig.
Jetzt konnte ich auch den Regen vernehmen, der auf das Dach prasselte und an Intensität zunahm. Ein Gewitter war es also, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Damit konnte ich leben und auch weiterschlafen.

Ohne Worte ... - © 2001

Da es draußen ja schon hell war, sprang ich auf, kochte mir schnell Kaffe (eine tolle Einrichtung haben die Unterkünfte, immer stehen Tee und Kaffee bereit). Ich zog mich dann schnell an, schnappte mir meine Kamera und stürmte nach draußen. Die Sonne war gerade über den Gipfeln der umgebenden Berge erschienen und die Luft war kühl und klar. Ich entschloss mich einfach ein Stück zu laufen um zu sehen, was Twizel so zu bieten hatte.
Twizel ist ja nun keine wirklich große Stadt. Sie ist aber bedeutend genug, dass sie über ein Golfclub verfügt und damit auch über interessante Warnschilder mit dem Hinweis darauf, man solle doch bitte nach links und rechts schauen, es könnte ja ein Golfball daherkommen.

Am Informationscenter sah ich einen für die Stadt sehr wichtigen Gegenstand. Es war der Teil eines Rohres für das durchgeführte Staudammprojekt in den 60er Jahren. Diesem Staudammprojekt, dem größten in Neuseeland, verdankt Twizel immerhin seine Entstehung. Nach der Fertigstellung waren die Arbeiter einfach dageblieben, und so entwickelte sich mit der Zeit eine ganz gewöhnliche neuseeländische Kleinstadt. Interessant ist auf jeden Fall, und gut sichtbar, dass es üblich ist die Stromversorgung genau wie die dazugehörenden Aggregate überirdisch zu verlegen.
Nach einem opulenten Frühstück bei den Mädels im Haus, hieß es dann auch schon Sachen einpacken und abmarschieren. Erstes Etappenziel war heute der Lindis Pass. Bis hierhin sollte die Tour mit dem Bus gehen. Bevor wir ankamen, hieß es aber noch mal "kehrt Marsch". Wilfried hatte seine Gepäcktasche vom Fahrrad in der Unterkunft liegen gelassen. So döselig wie ich bin, war ich froh, dass ich die letzten beiden Tage vor der Abfahrt richtig in jede Ecke geschaut hatte. Sonst wären wir ja nur dabei gewesen zurückzufahren.
Es zeigte sich auch jetzt wieder, dass die Landschaft einfach atemberaubend ist. Wir fuhren über eine weite, meist karge Hochebene. Grünes sah man hier nur in der Nähe des einen oder anderen kleinen Sees. In diesem Frühling fiel noch viel zu wenig Regen. Die Aussicht wäre dann natürlich grüner gewesen. Allerdings nur bis in den Sommer hinein, dann verbrennt die starke Sonneneinstrahlung einfach alles. Bevor wir zum Lindis Pass kamen, mussten wir noch einen weiteren Stopp an einer Straßenbaustelle einlegen. Interessanter Weise waren hier viele Frauen beschäftigt, auch eine Dampfwalze wurde von einer Frau gesteuert. Ein für deutsche Verhältnisse ungewohnter Anblick.

Ein kleiner See in der Nähe des Lake Ohau - © 2001
Frauen auf der Straße - © 2001

In 965m Höhe stießen wir endlich auf den Pass. Von hier aus wurde die Tour dann mit dem Rad weitergeführt bis ins 48 Kilometer entfernte Tarras und noch ein Stück weiter. Die Luft war eisig. Jeder aus der Gruppe hatte sich jetzt richtig eingepackt. Inklusive Kopftuch, damit einem nicht die Ohren abfielen, wenn sie zu Eis gefroren waren.

Der Lindis Pass - © 2001

Vom Pass ging es erstmal ein gutes Stück bergab. Eine Vorstellung, die mir zwar sehr behagte, allerdings auch mit einigem Bammel verbunden war. Denn in der Abfahrt bekam man einen ganz ordentlichen Speed drauf. Geschwindigkeiten, die ich nicht so gewohnt war. Doch mit der Zeit wurde ich natürlich auch mutiger und so war die Abfahrt einfach berauschend. Der Wind pfiff einem nur so um die eingepackten Ohren. Mit der Zeit bekam ich auch wieder ein Auge für die Landschaft. Der blaue Himmel, die Felsformationen und dabei immer die Frage vor Augen: "Was kommt hinter der nächsten Kurve?"
Wirklich Vorteilhaft war der geringe Verkehr zu dieser Jahreszeit. Die Wintersaison schien bereits zu Ende und die Sommersaison hatte noch nicht begonnen. Etwas tiefer im Tal sah man wieder die typischen großen Wiesen mit den Schafen. So aufgeschlossen wie die Neuseeländer waren die Schafe allerdings nicht. Denn diese nahmen einfach Reißaus, als ich anhielt und vom Rad stieg, um einige Aufnahmen zu schießen. Ein freundliches Määäähhhhh von mir ließ sie sogar noch schneller werden. Frechheit!!!

Fliehende Schafe ... - © 2001

Einige Kilometer vor Tarras machten wir erst mal Picknick. Der Bus war einfach super ausgestattet. Sogar Tische und Bänke hatten wir mit an Bord. Was mir relativ schnell nach Ankunft aller in Christchurch durch den Kopf ging war, dass hier die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Es gab immer was zu lachen und irgendwie waren sie mir schon nach diesen zwei Tagen vertraut. Was das Zusammensein natürlich förderte, waren die gemeinsamen Mahlzeiten, wo jeder mit anpackte. Nach der Stärkung hieß es dann erstmal eine Steigung erklimmen. Für mich war 30m vor der Bergkuppe Feierabend. Ich stieg ab um die letzten Meter zu schieben. Die Kraft reichte bei mir nicht, um mich die letzten Meter noch hochzuhieven. Einige Kilometer hinter Tarras nahm uns Karsten wieder auf. Mir tat auch schon ziemlich der Hintern weh. Der Sattel war doch gewöhnungsbedürftig. Die Busfahrt nach Queenstown führte uns noch in die Obstregion von Ortega. Hier hielten wir, um bei Mama Jones ordentlich Obst und Gemüse, für das morgige Abendessen einzukaufen.
In Queenstown angekommen hieß es "ab unter die Dusche". Diesmal hatte ich kein Einzelzimmer, sondern teilte mir die Unterkunft (ein kleines Häuschen mit zwei Schlafzimmern) mit Dirk. Abschluss des Abends war ein kleiner Rundgang durch den Ort und gemeinsames Abendessen in einem sehr guten Restaurant. Um 22:30 war ich endlich selig, gesättigt und erschöpft in meinem Bett.