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Tagebuch | Montag, 22. Oktober 2001
Zwischenlandung in Melbourne und Ankunft in Christchurch
Der Anflug am Morgen auf Melbourne hatte schon etwas Besonderes. Die Sonne ging gerade auf und der Himmel war klar. Die Stadt zeigte sich zu dieser frühen Stunde - 04:45 AM - von ihrer besten Seite. Viel war es natürlich nicht, was ich zu sehen bekam, denn hier hieß es ja nur: raus aus der einen Maschine und wieder rein in die nächste.
Langsam spürte ich aber den Flug in meinen Knochen. Immer nur Sitzen und hin und wieder mal Aufstehen ist halt auch anstrengend. Aber nun hatte ich es ja bald geschafft. Ein letztes Mal einchecken und abwarten, bis "das Land der langen weißen Wolke" auftauchte. Gerne wäre ich beim Anflug auf Neuseeland oben im Cockpit gewesen. Eine derartige Frage ans Kabinenpersonal verkniff ich mir jedoch vor dem Hintergrund der Ereignisse in Amerika. Bei meinen Englischkenntnissen wäre ich womöglich noch wegen einer vermeintlichen Flugzeugentführung verhaftet worden.
Und so blickte ich gespannt aus dem Fenster. Nach rund drei Stunden war es dann soweit. So weit ich sehen konnte, war die ganze Küstenlinie mit kleinen weißen Wolken bedeckt. Vom Meer, aus einiger Entfernung, muss das Ganze wie eine einzige lange Wolke wirken. Im Überflug war jedoch einiges der Landschaft zu sehen, was mich in Verzückung stürzte. Ich sah zunächst schneebedeckte Gipfel und tiefe Täler. Die ersten Täler waren scheinbar noch unbewohnt und später immer üppiger im Bewuchs. Viel Zeit zum Fotografieren blieb mir jedoch nicht, denn bald begann der Pilot auch schon mit dem Landeanflug auf Christchurch und die Stewardess bestand darauf, dass ich alles Bewegliche wegpackte. Doch ich denke, die Aufnahmen, die ich aus dem Flieger heraus gemacht habe, geben schon einen ersten Eindruck von Neuseeland wieder.
Bei den Einreiseformalitäten hatte ich zuerst überlegt, ob ich schwindeln sollte. Gefragt wurde nämlich auch, ob man getragene Sport- bzw. Wanderschuhe im Gepäck dabei hätte - und das hatte ich ja. War schon klar, dass Mann/Frau bei der "Einlasskontrolle" vielleicht neugierig sein würde. Also antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich gebrauchte dabei hätte. Natürlich wurden die Schuhe dann auch einer Kontrolle unterzogen. Meine Trekkingschuhe waren ok, nur bei den Sportschuhen war der Kontrolleur nicht ganz zufrieden. Er erzählte mir etwas, was ich so interpretierte, dass er wohl meine Schuhe einsprayen müsste, und verschwand. Nach zwei Minuten war er wieder da und damit war die Sache erledigt. Ich hatte saubere Schuhe und ein ruhiges Gewissen, dass ich die hohen Sicherheitsanforderungen der Neuseeländer nicht unterlaufen hatte.
Jetzt sorgte ich mich nur noch, ob ich auch abgeholt werden würde. Aber auch das erledigte sich umgehend. Denn kaum öffnete sich die Schiebetür zur Ankunftshalle, da entdeckte ich auch schon ein Schild mit meinem Namen darauf. Gehalten wurde das Schild von einem Mann in meinem Alter, der sich mir als Karsten vorstellte. Ziemlich schnell kam er auch mit dem "Du" rüber und damit war das Eis gebrochen und ziemlich aufgedreht unternahm ich meine ersten richtigen Schritte auf neuseeländischen Boden - am anderen Ende der Welt. An die Unterhaltung im Auto erinnere ich mich nicht mehr so genau. Viel zu sehr zog mich der Anblick der Landschaft um mich herum in den Bann. Mit aller Gewalt brach hier der Frühling aus. Die Sonne blendete ziemlich und ich machte mir schmerzhaft bewusst, dass ich meine beiden Sonnenbrillen in Berlin vergessen hatte. Die Fahrt dauerte nicht allzu lange und schon waren wir inmitten der City von Christchurch.
Das Hotel lag direkt am Cathedral Square. Auf vielen Bildern hatte ich Platz und Kathedrale schon gesehen. Hier, direkt vor Ort, wirkten die Proportionen aber doch ganz anders. Einfach toll. Karsten schnaufte ziemlich, als er meine Reisetasche auslud und ich nahm sie ihm schnell ab. Immerhin hatte ich ja doch einiges mehr als die vorgegebenen 15 kg. Wir verabredeten uns zu 18:00 in der Hotelhalle. Er wollte los, um die nächsten vom Flughafen abzuholen und ich wollte nur noch eine Dusche. Zum Duschen kam ich aber erst mal nicht, denn es klopfte ziemlich heftig an der Tür. Als ich aufmachte, stand Werner vor mir, mit dem ich schon in Berlin telefonischen Kontakt aufgenommen hatte. Ein paar kurze Worte und ich vertröstete ihn auf 18:00, weil ich jetzt wirklich erst mal eine Dusche haben wollte. Danach ging es mir wieder halbwegs gut, wenn man von der Müdigkeit absah, die sich bemerkbar machte. Ich verkniff es mir mich mal kurz auf´s Bett zu legen und zog mich gleich wieder an um ein wenig herumzulaufen.
Trotz des Sonnenscheins war es relativ frisch. Es wehte ein stetiger Wind. Ein Zustand, der sich fast durchgängig über die ganze Reise erstreckte. Manchmal war der Wind ganz angenehm. In aller Regel, vor allem beim Fahrradfahren, kam der Wind aber grundsätzlich aus der falschen Richtung. Meine ersten Schritte alleine in Christchurch führten mich kreuz und quer durch die City. Langsam gewöhnte ich mich an das intensive Sonnenlicht. Nichtsdestotrotz brauchte ich auf jeden Fall noch eine Sonnenbrille. Schnell verging die Zeit bis 18:00. Dann waren wir alle zusammen. Insgesamt 7 BerlinerInnen und ein Düsseldorfer. Hinzu kam natürlich noch Karsten, unser Tourguide.
Zuerst sollten wir uns mit unseren Rädern vertraut machen. Dazu fuhren wir in den North Hagley Park. Eine gar nicht mal so kleine Parkanlage, die vorwiegend für alle möglichen Sportarten genutzt wird. Die "Kiwis" - so nennen sich die Neuseeländer wirklich selber - sind im Allgemeinen äußerst sportbegeistert. Sattel- und Lenkereinstellungen gingen flott von der Hand und die ersten Meter auf den Rädern konnten zurückgelegt werden. In Neuseeland herrscht im Übrigen auch für Fahrradfahrer Helmpflicht, was sich im Laufe der Reise als äußerst sinnvoll herausstellen sollte.
Nach der Rückkehr in unser Motel - Hotel werden hier im Allgemeinen nur einfache Restaurants genannt - war dann gemeinsames Abendessen angesagt. Ich verspeiste mein erstes Lamm auf neuseeländischen Boden und es schmeckte einfach toll. Seliger fand ich es aber nach einer Weile endlich in meinem Bett zu liegen und tief und fest zu schlafen.


